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Open-Air, Zitadelle Mainz, Zitadellenweg, 55116 Mainz

Aufmacher
Spätestens in Zeiten, in denen es bunt durch die weißen Ärmel unserer
Versicherungsberater schimmert, sollte klar sein, dass es bei Jennifer
Rostock um mehr geht als Tattoos und Metall im Gesicht. Mit 9 Jahren
Bandgeschichte, 5 Alben, Live-DVD, Ochsentouren auf’m Buckel und ner Menge Festivaldreck an den Sohlen hat die Band jeden Zweifler an ihrer Existenzberechtigung aus der Umlaufbahn katapultiert. Ihr Weg hat sie über Scheißfrisuren, Kaugummipop-Experimente, über Bühnen jeden
Ausmaßes, quer durch die Kneipen ihrer Wahlheimatstadt Berlin an
einen durch Renitenz und Selbstbestimmheit geprägten Ort geführt, in
dem sie ihre Nische für sich selbst kreiert haben. Jennifer Rostock haben
nicht nur was zu sagen, sie tun es auch. Das neue Label, das neue
Management, der Sprung ins kalte Wasser und das anschliessende
Schütteln, das alles mündet nun in einer Platte, die radikaler nicht sein
könnte.
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GENAU IN DIESEM TON
Spätestens in Zeiten, in denen es bunt durch die weißen Ärmel unserer
Versicherungsberater schimmert, sollte klar sein, dass es bei Jennifer
Rostock um mehr geht als Tattoos und Metall im Gesicht. Mit 9 Jahren
Bandgeschichte, 5 Alben, Live-DVD, Ochsentouren auf’m Buckel und ner
Menge Festivaldreck an den Sohlen hat die Band jeden Zweifler an ihrer
Existenzberechtigung aus der Umlaufbahn katapultiert. Ihr Weg hat sie
über Scheißfrisuren, Kaugummipop-Experimente, über Bühnen jeden
Ausmaßes, quer durch die Kneipen ihrer Wahlheimatstadt Berlin an
einen durch Renitenz und Selbstbestimmheit geprägten Ort geführt, in
dem sie ihre Nische für sich selbst kreiert haben. Jennifer Rostock haben
nicht nur was zu sagen, sie tun es auch. Das neue Label, das neue
Management, der Sprung ins kalte Wasser und das anschliessende
Schütteln, das alles mündet nun in einer Platte, die radikaler nicht sein
könnte. Das fünfte Album heisst „Genau in diesem Ton“ und ist ein Musik
gewordenes Pamphlet. Ein Plädoyer für den Mut, in sich hineinzuhören,
sich auszuprobieren, sich so zu lieben wie man ist, um es dann umso
lauter herauszuschreien, („Baukräne“, „I love you, but i’ve chosen
Dispo“). Ein Nuklearangriff auf die nimmersatten Nörgler der Nation
("Irgendwas ist immer“). Ein kackender Möwenschwarm über dem
Schilderwald aus Verhaltensmustern, Etikettierungen und vermeintlichen
No-Gos ("Neider machen Leute").
„Kann man liken, kann man lassen."
Dem überzeugten Huldigen des eigenen Lebenswandels in „Uns gehört
die Nacht“ steht der genauso ehrliche Zweifel in „Deiche“ gegenüber. Der
Hymne aufs Leben „Wir waren hier“ folgt die bitterböse Abrechnung mit
einer völlig aus den Fugen geratenen Gesellschaft: In Songs wie
„Hengstin“, „Wir sind alle nicht von hier“ oder „Silikon gegen Sexismus“
verpassen sie allen rassistischen und sexistischen Kleingeistern unserer
Spezies eine schmerzhafte Stinkefinger-Akupunktur.
„Es gibt kein Brot für die Welt, wir verschlucken uns am Kuchen. Und
solang die Anderen böse sind, gehören wir zu den Guten."
Es ist eben jene explosive Mischung aus einem zutiefst verankerten
Humanismus und einem radikalen Exhibitionismus, es ist das Pendeln
zwischen rotem Teppich und Punkerschuppen und es ist die seltene
Fähigkeit, das Trinkspiel haushoch zu gewinnen und trotzdem am
nächsten morgen im Frühstücksfernsehen schlagfertig aus der Hüfte zu
schießen, die Jennifer Rostock einzigartig und relevant macht. Allen
voran Jennifer Weist, die es geschafft hat zwischen Singen und Shouten,
zwischen Bühnensau und BFF, zwischen Tourbus und Talkshowsesseln
eine der spannendsten und glaubwürdigsten Stimmen für moderne
Emanzipation, für Selbstbestimmtheit und offenes Miteinander zu
werden.
"Ich kann mich verkaufen, macht mich das zum Produkt? Wem gehört
mein Körper, wenn ihn die Zeitung druckt?"
Genau in diesem Ton. Jeder einzelne Song zelebriert die Lust und den
Drang, weiter zu gehen als je zuvor. Diese Kompromisslosigkeit hört
man auch im Sound. Man hört eine Band, die es derbe abfeiert
zusammenzuspielen, und gerade deshalb entzieht sich die Platte
jeglichen Produktionsdogmen oder Genrespielregeln. Alles so wie’s
muss, jeder Song dahin, wo er hinwill. Weil sie den Schlagzeugsound auf
einem Defeater-Album gefeiert haben, ergoogelten sie sich das
Recording Studio, nahmen den Hörer in die Hand und saßen eine Woche
später mit Jason Maas zusammen im Studio. Deutschpunk-Produzent
Vincent Sorg und Mixingkoryphäe Moritz Enders rundeten den Sound
ab: Die Moshpitparts explodieren, die Poprefrains heben ab, und die
Experimentierfreude führt bis an unbekannte Ufer.
Jennifer Rostock brettern mal wieder raus, was ihre Welt bedeutet und
damit sind sie nicht allein. Offensichtlich...und zum Glück. Um die Band
zu lieben muss man halt ein bisschen rausschwimmen aus den seichten
Gewässern und sich auf Wellengang einrichten. Aber wenn man ruhig
weiteratmet, bleibt man ganz von alleine oben. Lasst die Schwimmflügel
zuhause, Habt Vertrauen. Darum geht es. Es lohnt sich.